Volkstrauertag 2020 – Ansprache der Bürgermeisterin Daniela Paletta

Der Volkstrauertag ist ein Gedenktag für die Opfer der beiden Weltkriege und der Gewaltherrschaft des nationalsozialistischen Regimes sowie – mit zunehmendem Abstand vom Krieg – ein Tag der Trauer in Solidarität mit den Verletzten und Hinterbliebenen.

Der Tag soll auch eine Mahnung zur Versöhnung, zur Verständigung, zur Toleranz und zum Frieden sein.

Ein Tag, an dem wir an die Kriegstoten und Opfer der beiden Weltkriege gedenken.

Ein Tag, der uns einlädt innezuhalten, still zu werden.

Ein Tag, an dem wir uns wieder einmal fragen müssen, wie es passieren konnte, dass innerhalb von zwei Weltkriegen, 8,5 Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten.

Weltweit forderten die Machtsucht und die rassistische Ideologie des NS-Regimes 82 Millionen Menschenleben. So viele Einwohner hat Deutschland heute. Demokratie und Gleichheit aller Bürger wurde in dieser Zeit abgelehnt. Menschen wurden ihrer Würde beraubt. So etwas ist für uns kaum mehr vorstellbar. Und die Tatsache, dass die Zeitspanne zwischen dem letzten Weltkrieg und der heutigen Generation immer größer wird, macht es nicht besser, denn Vergessen wird immer einfacher.

Ich möchte Ihnen deshalb die Geschichte von einer Schulfahrt erzählen, die vor etwas mehr als einem Jahr stattfand und von der ich gelesen habe.  

Eine Schule veranstaltet jedes Jahr eine Fahrt nach Oświęcim. Der polnische Name einer kleinen Stadt, die wir eher unter dem Namen Auschwitz kennen. Diese Fahrt ist an dieser Schule immer heiß begehrt.
Nur eine bestimmte Anzahl an Schülern der 11. Klasse dürfen jedes Jahr mit und per Los werden diese ausgewählt. Warum die meisten unbedingt auf diese Fahrt wollen war recht simpel. Drei Tage keine Schule zu haben, war Grund genug, sich dafür anzumelden. Dass das, was Sie dort sehen würden, nichts für schwache Nerven ist, war zwar allen irgendwie bewusst, doch das sollte dem Spaß einer Klassenfahrt nicht entgegenstehen.

In Auschwitz befindet sich der wohl bekannteste Ort des Todes, den die Nazis während des zweiten Weltkrieges erschufen. Über 1,1 Millionen Menschen ließen an diesem Ort ihr Leben, entweder weil sie hingerichtet wurden oder aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen in den Lagern. Wenn die Schüler an diese Fahrt zurückdenken, dann erfasst sie immer wieder eine Gänsehaut, denn Krieg, Leid und Grausamkeit in einem so riesigen Maße waren ihnen noch nie so nahe. Sie besuchten das Stammlager von Auschwitz und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Jugendherberge war von ersterem nur zwei Kilometer Fußweg entfernt.
Sie gingen die Wege, die Menschen zu den Gaskammern gingen, an den Gleisen entlang, wo diese in Viehwaggons in Massen angekarrt wurden, um sie dann zu selektieren.

Ein Handzeichen nach rechts für das Arbeitslager. Ein Handzeichen nach links zum Krematorium.

Die Schüler waren abends völlig sprachlos. Ob man abends noch um die Häuser ziehen wollte, danach fragte keiner mehr. Für Sie stand nach den Führungen fest, nach Auschwitz, da will ich nie wieder hin! Sie wollten das alles verdrängen, nicht drüber reden, weil dafür einfach die Worte fehlten. Das änderte sich nach einem Treffen mit einer Zeitzeugin am letzten Tag. Sie hatte sich dazu bereit erklärt, über ihre Zeit im KZ Auschwitz zu reden und zu gut erinnerten Sie sich noch an ihre letzten Worte, die sich wortwörtlich in ihre Gedächtnisse gebrannt haben:

„Ihr seid nicht die Generation, die sich für irgendetwas schuldig fühlen muss, aber ihr seid die, die die Erinnerung an das Grauen wachhalten müssen und deswegen versprecht mir eins: Setzt euch dafür ein, dass so etwas nie, nie wieder passiert!“

Genau das ist der Grund, warum Sie heute hier sind.
Und es begründet die Notwendigkeit eines Volkstrauertages! Weil wir wissen, die Zeit, wo es noch Zeugen des Krieges gibt, die naht sich dem Ende. Die Erinnerungen werden immer blasser. Jedoch ändert sich damit nicht unsere Geschichte. Wir dürfen heutzutage stolz darauf sein, in einem demokratischen Staat zu leben, Frieden und Freiheit zu kennen, mit dem Hintergedanken, dass dies nicht selbstverständlich ist.
2018 gab es 28 Kriege und bewaffnete Konflikte auf der Welt, die zwar nicht vor unserer Haustür stattfanden, von denen wir jedoch fast täglich in den Nachrichten hören konnten. Damals wie heute sterben Menschen sinnlos als Soldaten an der Front oder Zivilisten werden Opfer von Anschlägen. Krieg. Krieg bleibt immer gleich.

John F. Kennedy sagte einmal:
„Die Menschheit muss den Krieg beenden, bevor der Krieg die Menschheit beendet.“

Damit hat er absolut Recht gehabt. Genauso, wie man alleine nicht in den Krieg ziehen kann, kann man auch alleine nicht Frieden aufbauen und erst recht nicht erhalten. Warum gibt es denn so viele Denkmäler, die an den Krieg erinnern, aber kaum welche des Friedens?

Der Volkstrauertag gewährt uns nicht nur einen Blick zurück in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Es gilt, den Zustand des Friedens zu bewahren. Noch immer gibt es Menschen und sogar Parteien, die rechts denken. Und deswegen müssen wir wachsam sein. Wir leben heute in einem vereinten Europa, dessen Nationen eine gemeinsame Geschichte verbindet und besonders wir können aus unserer Vergangenheit lernen, um die Zukunft unseres Landes immer weiter zu verbessern.

Solche Fahrten, wie die nach Auschwitz, sollten jedem zustehen. Denn es ist ein Ort, der alles auf den Punkt bringt. Ein Ort, der zeigt, was passiert, wenn wir Unterschiede in dem Wert eines Menschen machen und wenn eine Nation ihre Hoffnung auf eine Regierung stützt, die die Wörter Demokratie und Gewaltenteilung nicht buchstabieren kann.

Während diese Geschehnisse für uns ein Teil der Geschichte sind, sind sie für andere Menschen auf der Welt mehr denn je - bittere Realität.
Die Auswirkungen von Krieg und Gewalt, Tod und Terror sind bis heute gegenwärtig. Das zeigen uns jüngst die verachtenswerten Terroranschläge in Frankreich und Österreich. Sie erzeugen eine völlige Fassungslosigkeit und Entsetzen, die ganz Europa wieder einmal erschüttert.
In Gedanken sind wir bei den Opfern und ihren Angehörigen.

Heute ist ein Tag des Gedenkens und des Trauerns. Das sollten wir nicht nur einmal im Jahr tun, sondern beständig. Aber damit ist es noch nicht getan. Wir müssen das Erinnern zu einer Handlung machen. Die Handlung zu einer Gewohnheit, damit so etwas nie wieder passiert. Denn Frieden schätzt man meist erst richtig, wenn er nicht mehr da ist. Lasst es uns nicht dazu kommen.

Damit möchte ich nun die Totenehrung sprechen:

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg,
an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,
und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen,
die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Schenken Sie diesen Tag den Toten der Vergangenheit und dem friedlichen Leben in der Zukunft.

Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund!
Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Sonntag.

(Erstellt am 13. November 2020)